Schwäbisch Hall schlägt sensationell den Meister

Die Schwäbisch Haller Erste hat die große Sensation geschafft: der gerade an den hinteren Brettern deutlich stärker besetzte deutsche Meister Solingen wurde mit 4,5-3,5 geschlagen.

Im Mittelpunkt des 8. Spieltags der Schachbundesliga stand das Aufeinandertreffen von Meister Solingen und Schwäbisch Hall. Nach den glatten 6-2 Siegen beider Mannschaften gegen ersatzgeschwächte Dresdner bzw. Mülheimer wurde ein deutlich knapperes Duell erwartet, übrigens auch im Parallelspiel: Dresden und Mülheim waren nominell etwa gleichstark einzuschätzen. Dort gab es ein haushohes 6,5-1,5 für Dresden, gerade in der Höhe war der Dresdener Sieg doch etwas überraschend, gerade an den beiden Spitzenbrettern kamen die Mülheimer böse unter die Räder.

Kein guter Tag für Mülheim - bis auf einen: Nico Zwirs (links) gewann als einziger.

Doch nun zum Spitzenspiel des Tages, dessen Ergebnis natürlich gerade dem jetzt alleinigen Tabellenführer Baden-Baden in die Karten spielt. Insbesondere an den hinteren Brettern war Solingen klar favorisiert. Am Spitzenbrett kam es zu einer absoluten Spitzenbegegnung zwischen dem Europameister Ernesto Inarkiev und dem Weltranglisten-10. Anish Giri. Und anders als häufig waren beide Spieler nicht auf ein schnelles Remis aus, sondern ließen es richtig "krachen". Interessant schon die Anfangsphase: Ernest Inarkiev kam ein paar Minuten zu spät und überlegte dann erstmal einige Minuten, bevor er zog. Die ersten 5 Züge kamen dann bei beiden a Tempo, danach verfiel Inarkiev wieder für fast 15min in tiefes Nachdenken, während Giri cool durch den Spielsaal lief. Erst nach 7 oder 8 Zügen begann bei Giri dann die Phase des Nachdenkens. Allerdings wurden sicher noch keine konkreten Varianten berechnet, sondern es ging wohl nur darum, welche Abspiele man wählen könnte, worauf der Gegner vorbereitet sein könnte, und was wer eventuell schon wann gespielt hatte.

Ernesto überlegt an seinem Eröffnungszug

Anish Giri relaxed...

...und jetzt (scheinbar) nicht mehr

Im Lauf der Partie setzte Giri mit Schwarz voll auf Angriff und ging hohes Risiko. Zwischenzeitlich hatte er 3 Bauern weniger, und etliche Figuren hingen auf beiden Seiten. Dazu geriet Inarkiev in große Zeitnot und spielte ab etwa Zug 25 nur noch auf dem Inkrement von 30s pro Zug. Nach großen Verwicklungen hatte er bei unsicherem König eine Qualität mehr und immer noch 5 Züge bis zur Zeitkontrolle zu machen und nahm in wohl besserer Stellung Giris Remisangebot an. Nach der Analyse schaute sich Anish Giri direkt die erste Stichkampfpartie seiner Frau bei der WM in Teheran an (bemerkenswert, wie schnell er die Partie am Handy durchspielte und trotzdem den Überblick behielt - Kommentar dem Autor gegenüber: "oh, hätte das jetzt gewonnen? Ach nein, jetzt ist es doch remis"), Sopiko verlor dann später leider nach hochdramatischen Verlauf im Blitzen gegen die Inderin Harika Dronavalli, besonders die erste Blitzpartie war hochdramatisch und völlig chaotisch.

Analyse

Die zweite Partie, die die Zuschauer im Atem hielt, war die an Brett 8 zwischen Alexander Naumann und Frank Zeller. Frank Zeller opferte schon in der Eröffnung eine Figur, bekam diese kurz darauf zurück und hatte zwischendurch 2 Bauern mehr, allerdings auf Kosten von Entwicklungsnachteil und einer zersplitterten Bauernstellung. Wer da jetzt bessere stand…schwierig. Nach der Partie sagte Frank, er hätte das schon vor Jahren mal vorbereitet und immer mal wieder angesehen, Hauptproblem war, als es jetzt endlich mal aufs Brett kam, sich an die richtigen Zugfolgen zu erinnern. Auch hier endete die Partie nach einigen Verwicklungen friedlich.

Frank Zeller

Peter Michalik fixiert seinen Gegner

Als erstes hatte da schon die Partie von Peter Michalik gegen Borki Predojevic remis geendet, gestern hatte Peter am längsten gespielt, heute hatte er als erster Feierabend. Wenig später endete auch die Partie L'Ami-Wirig remis. Diese Ergebnisse spielten den Hallern natürlich in die Karten, gerade Erwin L'Ami war klarer Favorit gegen Wirig. Und dann brachte Tigran Gharamian die Haller gegen Robin van Kampen in Führung. Der Niederländer übersah im Bemühen, eine unangenehme Fesselung am Damenflügel aufzuheben einen Qualitätsverlust, der kurz darauf die Partie kostete. Plötzlich merkten die Haller, dass hier tatsächlich gegen den Favoriten etwas gehen könnte.

Big Point durch Tigran Gharamian

Dieser Führung liefen die Solinger bis zum Ende hinterher. Zunächst musste Pentala Hariskrishna die Gewinnversuche in seinem Springerendspiel gegen Maxim Matlakov einstellen. Auch Pedrag Nikolov versuchte sich lange an einem Turmendspiel gegen Mathias Womacka, am Ende aber vergeblich. Mathias zeigte ein wiederholtes Mal, wie stark er gerade in seiner Heimat auftrumpft.

Mathias Womacka blieb cool, obwohl Captain Harald Barg skeptisch schaut

Laznicka-Ragger: Kampf über 126 Züge

Die letzte Solinger Chance für den Ausgleich war damit die Partie von Markus Ragger. Er hatte gegen Viktor Laznicka die angenehmere Stellung und gewann wenig später einen Bauern. Doch Viktor verteidigte sich über insgesamt 126 Züge zäh und sicherte nach 7 Stunden das Remis zum überraschenden Sieg gegen den deutschen Meister (der Autor mit Begleitung war zu dem Zeitpunkt schon auf der Rückfahrt und etwa auf Höhe Nürnberg). Markus Ragger hat damit die kürzeste und die längste Partie des Wochenendes gespielt - gegen Jens-Uwe Maiwald gewann er am Vortag gerade mal in 14 Zügen. Die letzten beiden Partien  verfolgte die Fahrgemeinschaft Marschner-Meinel²-Krenedics in der Liveübertragung, Gregor Krenedics sorgte in bewährter Manier für die Zwischenstände (diesmal hielt dank Ladegerät seine Batterie bis zum Ende durch - siehe auch den Bericht zum Baden-Baden-Spiel), auch Harald Keilhack kommentierte per Facebook-Messenger an Mario Meinel. Verfolgt wurden parallel die Geschehnisse aus Meißen, die Frauen-WM in Teheran und der Grand Prix in Abu Dhabi, bei dem heute Li Chao nicht über ein Remis gegen seine Landsfrau Hou Yifan hinauskam.

Mit den 2 Siegen an diesem Wochenende, mit denen im Vorfeld sicher nicht zu rechnen war, steht Schwäbisch Hall auf Platz 4 der Tabelle, aber ein Platz auf dem Podium erscheint auf einmal realistisch, gerade wenn im weiteren Saisonverlauf gegen Bremen und Hockenheim gepunktet werden kann. Bemerkenswert: Schwäbisch Hall hatte mit Sicherheit die größte Zahl Schlachtenbummler dabei, wenn man das Organisationsteam abzieht auch mehr als Gastgeber Dresden. Das zeigt doch, wie die Haller zu ihren Bundesligamannschaften stehen, und das trotz der Querelen im Verein (siehe Bericht von gestern).

Schwäbisch (hohenlohisch?)-sächsische Begegnungen

Partien vom Sonntag aus Dresden:


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