Frank Zeller berichtet vom Bundesligawochenende in Schwäbisch Hall

IM Frank Zeller berichtet:

Bundesligawochenende in Schwäbisch Hall: Bayerische Teams machen keinen Stich, Hall rückt auf den zweiten Tabellenrang vor.

Das zweite und letzte Heimspiel der Saison 2016/17 endete mit souveränen Siegen für die gastgebenden Haller. Die beiden abstiegsbedrohten Münchner Delegationen von Bayern und Zugzwang München waren letztlich chancenlos, sowohl gegen den Ausrichter als auch gegen Halls Reisepartner Dresden.

Dabei war der Haller Achter diesmal gar nicht so „besorgniserregend“ aufgestellt, im Wesentlichen spielten die Kollegen, die auch schon den Durchmarsch über Oberliga und 2. Liga bestritten: eine große Gruppe französischer GMs, die sogenannten „Musketiere“ sowie eine regionale, deutsch-tschechische Hinterbank. Verstärkt wurde die Spitze noch von Jewgeny Postny, der den weiten Weg aus Israel zurücklegte.

Da war Reisepartner Dresden mit Weltklassespieler Pavel Eljanov sogar etwas mondäner bestückt.

Eljanov-Bischoff

Während Hall sich vier Mannschaftspunkte sicherte, nahm die Konkurrenz sich gegenseitig was weg: Hockenheim schlug Meister Solingen, verlor aber anderntags gegen Mülheim. So kommt es, dass Schwäbisch Hall plötzlich auf den zweiten Tabellenrang vorrückte!

Die Medaillenränge in Reichweite, doch mit Bremen, Hamburg, Dresden und Hockenheim haben wir noch einige Hochkaliber im Restprogramm, gegen die wir bislang meist schlecht aussahen. Aber wer weiß, vielleicht geht es am 30. April in Berlin noch um die Vizemeisterschaft gegen Hockenheim…

Hier die Höhepunkte vom letzten Wochenende:

Cornette-Dragnev

Beim 5,5:2,5 von Hall gegen Bayern beeindruckte vor allem der Vortrag von Matthieu gegen das österreichische Jungtalent Valentin Dragnev:

Dragnev (2502) – M. Cornette (2593)

1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.Lf4 c5 4.e3 Sc6 5.Sbd2 cxd4 6.exd4 Lf5 7.c3 e6 8.Db38. …Ld6! Alle Welt zog hier früher …Dc8. Doch offenbar kann man auch auf Dynamik spielen.

9.Dxb7 Lxf4! Es gibt zwei Vorgängerpartien zu diesem Opfer, beide von Alexei Schirow gespielt!

10.Dxc6+ Kf8 11.g3 Ld6!  Matthieus Verbesserung gegenüber der Partie Artemiev –Schirow, Moskau 2016, die nach 11. …Lxd2+  mit Remis endete. An seiner kaum vergangenen Bedenkzeit war zu erkennen, dass Eröffnungsexperte Cornette sich noch in der Vorbereitung befand.

12.Sh4 Tb8! 13.Sxf5 exf5 14.Tb1?! Danach übernimmt Schwarz schon die Initiative. Wahrscheinlich sollte Weiß 14.0–0–0!? mit kompliziertem Spiel versuchen.

14. …Tb6 15.Da4 De7+ 16.Le2 h5!

Nun passt alles wunderbar ineinander: die unangenehme Fesselung auf der e-Linie, während Schwarz eine Tugend aus seiner verhinderten Rochade macht und den Königsturm von seinem Ausgangspunkt aus entwickelt. Weiß kann schlecht mit 17.h4 gegenhalten wegen …f4!, und die Variante 17.Sf3 h4! 18.Sxh4 Txh4 19.gxh4 De4! zeigt instruktiv  die weißen Probleme auf. Beide Türme hängen und 20.Kd2 scheitert an …Lf4+.

17.Kf1? Trotz alledem verschlechtert dieser Zug nur noch alles.

17…Se4! 18.Ke1 Ein harter Schlag, er muss seinen Zug wieder zurücknehmen. Aber ansonsten ginge Material verloren, wenn die Dame nach e4 mit Doppelangriff auf die weißen Türme käme.

18. …h4 19.f3 Sg5 20.f4

20…hxg3! Jetzt beginnt der französische Meister zu zaubern.

21.fxg5 Txh2 22.Txh2 gxh2 23.Kf2

23…Txb2! 24.Dd1 Dxg5 25.Sf3 Dg3+ 26.Ke3 f4+

Und der Bayer gab sich in Anbetracht von 27.Kd3 Dg6 matt geschlagen. Ein tolles Spektakel!

0–1

Mathias Womacka

Zu einem weiteren Start-Ziel-Sieg kam Mathias Womacka, der in einem klassischen Scheveninger mit einem Bauernopfer dem Schwarzen höchst elegant schlimme Koordinationsprobleme bescherte:

Womacka (2427) – A. Schenk (2457)

Nach 18.Lf4-e3

18. …Db7? Danach stehen die schwarzen Figuren, insbesondere die Dame, höchst unglücklich. Der Bayer sollte mittels 18. …Db8! 19.Txf6 Dxg3 20.hxg3 Lxf6 21.Txd7 die Damen tauschen und sein Heil im Endspiel nach 21. …Tad8! suchen mit guten Remisaussichten, ein Turmtausch käme ihm zupass.

19.Sc5! Sichert sich einen sehr guten Läufer.

19. …Lxc5 20.Lxc5 Tg8!?

21.Ld3! Es zeigt sich, dass Schwarz erstaunlich wehrlos gegen Dh4 nebst Txf6 ist.

21. …e5 Bezeichnend ist die Variante: 21…b4 22.Dh4 Se5 23.Txf6 Sxd3 24.Txd3 gxf6 25.Dxf6+ Tg7 26.Tg3! Tag8 27.Lf8! und gewinnt.

22.Dh4 e4 23.Sxe4 Sxe4

24.Txf7! Der Springer läuft nicht weg.

24. …Tae8 25.Lxe4 und alles bricht in sich zusammen. 1–0

Sehr gefällig von Mathias gespielt.

Einen weiteren Punkt trug ich selbst bei. Mein Gegner machte keine Anstalten, meinen Plan zu vereiteln, und ich übernahm die Initiative:

Belezky,Alexander (2397) – Zeller,Frank (2400)
Nach 18.cxb5

18. …Sa7! Man hätte auch alles abtauschen und remis vereinbaren können. Doch ich wollte meinen Springer behalten, weil ich ihn über b5 nach c3 ins Herz der weißen Stellung spielen wollte. Weiß wird dann nicht umhinkommen, ihn zu tauschen, wonach ein gefährlicher Freibauer auf c3 entsteht und mein im Moment schwächlicher Lg7 wiederbelebt werden würde.

Der Autor

19.Sc6 Lxc6 20.bxc6!? Er ist sich keiner Gefahr bewusst, während 20.Lxc6 gesichert hätte, dass der Springer getauscht wird.

20. …Tfc8 21.b4 Sb5!

Die Kiebitze machten sich hier Sorgen, weil Weiß einen weit vorgerückten Mehrbauern auf c6 besaß. Doch der läuft nicht weit.

22.Db3 d5 23.Tfc1 Txc6 24.Txc6 Dxc6 25.Tc1

25. …Db6! Schwarz hat Zeit. 25. …Sc3 26.Lxc3 dxc3 27.e3 Db5 28.d4 würde zum Remis führen.

26.Dc2?! Man beachte 26.Tc5 Sc3 27.Lxc3 Dxc5!

26. …Sc3! „Mission accomplished!“ 27.Lxc3 dxc3 28.Tb1 h5! 29.e3!? d4! 30.exd4 Lxd4 31.b5

31. …Tc8! 32.Lc6 Sonst folgt …Tc8-c5-f5 mit starkem Druck auf f2.

32. …Lxf2+! 33.Kg2? Weiß sollte versuchen, ins Turmendspiel abzuwickeln: 33.Dxf2 Txc6! 34.Dxc6 Txc6. Forciert tauschen sich noch b- und c-Bauer, so dass ein Endspiel 4:3 entsteht, wobei Weiß einige Schwächen aufweist.

33. …Ld4 Jetzt dagegen gewinnt Schwarz im Königsangriff:

34.Ta1? Txc6! 35.bxc6 Dxc6+ 36.Kh3

36. …g5! 37.Tf1 f5 Oder gleich 37. …g4+ 38.Kh4 f5! mit Gewinn.

38.g4 hxg4+ 39.Kg3 Dd6+ 40.Kg2 Dc6+ Wiederholt die Züge, um Zeitkontrolle zu schaffen.

41.Kg3

Ich rechnete hier 20 Minuten alles Mögliche – es musste doch ein Matt drin sein. Aber ich fand es nicht … ein Hinweis vielleicht auf schlechte Form? Eine Warnung, die ich hätte ernstnehmen müssen: am nächsten Tag sollte ich ein Matt meines Gegners übersehen!

Dabei lag es direkt vor mir, erkennen Sie es? Ich rechnete u.a. auch 41. …Dc7+ 42.Kg2 Db7+ 43.Kg3 Dh7 44.Kg2 Dh3+ 45.Kh1 und hörte hier auf – dabei hätte ich mit einfach 45. …Dxf1 matt setzen können, ich übersah, dass der Turm ungedeckt war!

Letztlich spielte ich dann den „sicheren Materialgewinn“:

41. …Le5+ 42.Kf2 Lxh2 43.Ke1 g3

0–1

Mons-Postny

Seltsame Dinge passierten bei Postny – Fedorowsky. Der Haller schnappte sich zwischendurch einen Mehrbauern, erlaubte aber dem Schwarzen viel Gegenspiel und verlor die Übersicht. Plötzlich lief Postny einem Bauern hinterher! Seltsamerweise konnte Schwarz wegen seines wacklig stehenden Königs wenig mit dem Mehrbauern anfangen, und nach ein, zwei Ungenauigkeiten erlangte Evjeny trotz stark reduzierten Materials einen Mattangriff.

Im Parallelduell zwischen Dresden und Zugzwang stach der Angriff von Mateus Bartels heraus:

Elisabeth Pähtz und Gerald Hertneck

Hertneck (2487) – M. Bartel (2634)

Nach 32.Lh2-g1

32. …Lxh3! 33.Lxd4 exd4 34.Ld3?! Bei 34.gxh3 gewinnt Schwarz nach 34. …Dxh3+ 35.Kg1 (Kf2 Lf6!) d3!! 36.Txd3 Txd3 37.Dxd3 Ld4+, aber zäher war 34.e5!.

33. …Dxf3+ 35.Kg1 Dg3 36.Df2 Dg5 37.e5 Lg4 38.Le2 Lf5 39.Ld3 Le6 40.Te4 Tf8 Nun besitzt Schwarz für die Qualität zwei Bauern und das starke Läuferpaar. Trotz enormer Gegenwehr von Hertneck setzte sich der Dresdner letztlich durch. 0–1 (67)

 Hübsch war die Schlusskombination von Roven Vogel:

Vogel (2437) – E. Gerigk (2354)

Nach 27.Te1:

27. …Tf6? 28.Txa5! Txa5 29.Dc4+ e6 30.Dxc8+ Tf8 31.Dxe6+ 1–0

Beim Sonntagsspiel Hall gegen Zugzwang ging Anthony Wirig entgegen seinem Naturell bereits frühzeitig aufs Ganze und opferte die Qualität:

Anthony Wirig

Wirig (2476) – R. Zysk (2398)

Nach 17.Dg4-g5

Eine sehr merkwürdige Position. Weiß gab auf e5 die Qualität, um dem Bauern nach f6 rammen zu können. Dabei ist er noch kaum entwickelt! Der Münchner reagierte nun mit dem „automatischen“

17. …Kh8?!, um …Tg8 spielen zu können, doch er bekam den Sargnagel f6 im Weiteren nicht mehr los und war bald zu passiver Abwehr verurteilt. Bei 17. …Dd8!, Idee …h6, hat Schwarz berechtigte Aussichten, den Bf6 wegzubekommen. 18.Dxe5 erlaubt 18. …Dd5! mit Befreiung.

18.Sc3 Tad8 19.Te1 Tg8 20.Txe5 Ld5 21.b3

Weiß hat nun alles unter Kontrolle, während Schwarz dauernd auf das Mattbild g7 achten muss. Seltsamerweise spielte Weiß nun ganz langsam und nahm irgendwann mal die Bauern am Damenflügel weg, Schwarz hatte dem nichts entgegenzusetzen…

21. …Dd6 22.h4 Df8 23.Sa4 c4 24.bxc4 Lc6 25.Sc3 Td4 26.Se2 h6 27.Dg3 Td7 28.De3 Tb7 29.Kh2 Td7 30.Sd4 La8 31.Kg1 Tc7 32.Sb5 Td7 33.Sxa7 Kh7 34.Sb5 Kh8 35.a4 Lc6 36.Sd4 La8 37.a5 Lb7 38.Tb5 La6 39.Tb8 1–0

Stark war der Auftritt der beiden Haller Spitzenbretter, deren Siege für die Entscheidung sorgten. Bei Leon Mons gegen Evgeny Postny stand eine Mittelspielposition zur Diskussion, die seit Botwinnik – Capablanca, AVRO Holland 1938 immer als günstiger für Weiß gilt. Doch mittlerweile gibt es Computer…

Mons (2469) – E. Postny (2601)

Nach 20.Dc2

20. …h5! Mit dem h-Torpedo wird der Durchbruch e4 erfolgreich verzögert!

Hier zum Unterschied die historische Partie, die wieder einmal zeigt, dass das dynamische Verständnis von Strukturen sich in den letzten 80 Jahren entwickelt hat:

Analysediagramm:

Botwinnik – Capablanca, AVRO 1938

Nach 17.Sg3

Hier spielte Capablanca auf Bauernraub mit 17. …Sa5? 18.f3 Sb3 19.e4 Dxa4, und wurde nach 20.e5 von Botwinnik am Königsflügel zerquetscht – eine der bekanntesten Partien der Schachgeschichte! Mit dem Wissen von heute hätte Capa bestimmt 17. …h5! mit ausgeglichenen Chancen gefunden. Das Vorurteil, Weiß würde in derartigen Situationen am längeren Hebel sitzen, hält sich immer noch hartnäckig. Man denke auch an die 9. Matchpartie von Chennai 2013 zwischen Anand und Carlsen!

Doch zurück zu Mons – Postny. Hier ging der junge Mons auf Bauernraub aus: er krallte sich den schwarzen h-Torpedo, was aber auf Kosten einer Abseitsstellung seiner Dame ging und dem Schwarzen  die Initiative am Damenflügel gab:

21.Df5!? h4! 22.Sh1 a5 23.Dh3!? b4 24.axb4 axb4 25.Dxh4 bxc3 26.Lxc3 Db3 27.Ld2 Sb5

28.Df2? Ein Einsteller. Besser Sg3.

28. …c3 29.Lc1 Sxd4!

Die weiße Grundreihe ist anfällig.

30.Ta2 Dc4 31.Sg3 Sb3 32.De2 Dc5 33.Sf1 d4 34.La3 Db6 35.Tb1 dxe3 36.Lc5 Dxc5 37.Txb3 Sd5 38.g3 Sb4 39.Ta1 Sc2 0–1 Große Manövrierkunst vom Israeli in Halls Team.

Meinen Lapsus, weiter oben angekündigt, will ich Ihnen nicht vorenthalten:

Zeller,Frank (2400) – Dr. Hoffmeyer,Falk (2353)

Nach 29. …Lh4-g5!

Ich verkehrte in Zeitnot und hatte mich zuvor mit überzogenen Ambitionen selbst in Not gebracht. Hoffmeyer ließ aber exzellente Chance aus, jetzt fühlte ich mich wieder zurück in der Partie und hatte gerade 30. De6+ Kh8 31.Dxh6+ gedroht. Doch mein Gegner wehrte dies mit seinem letzten Zug ab – und drohte zugleich noch `ne Kleinigkeit! Mittlerweile lief meine letzte Minute ab, ich bekam Panik, und zog…

30.Dxe6+ Am besten gleich 30.Tg3! nebst Dg2 mit Ausgleich laut den Rechnern.

30. …Kh8 31.De5?? Furchtbar! Noch hielt 31.Tg3! das Gleichgewicht.

31. …Dh1+ 32.Ke2

Ich erwartete 32. …Dg2 und wollte 33.Td1! spielen, doch es kam die kalte Dusche:

32. …Td2+! 0–1 Schock! Der eiskalte Wasserkübel leerte sich über meinem Haupt…

Zuschauer

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